DAS KRANKHEITSBILD
Auch wenn Auge und Seh-Nerv vollkommen intakt sind,
kann es zu Seh-Störungen kommen, wenn beispielsweise im Rahmen
eines Schlaganfalls oder einer Schädel-Hirn-Verletzung unser
Seh-Zentrum im Gehirn geschädigt wird. Dieses Seh-Zentrum liegt
in den optischen Rinden-Feldern am hinteren Pol beider Großhirn-Hälften,
weshalb bei entsprechender Schädigung dieser symmetrisch angelegten
Rinden-Areale von einer sogenannten corticalen Sehstörung gesprochen
wird. Häufigster Ausdruck einer solchen Seh-Störung ist
der Ausfall einer Hälfte des Gesichtsfeldes auf beiden Augen.
Dieser Zustand ist unseren Patienten erstaunlicherweise oft gar
nicht bewußt. Erst durch die Tatsache, dass die Betroffenen
beispielsweise häufig gegen Tür-Rahmen oder auch andere
Gegenstände laufen, werden sie selbst auf diese Seh-Störung
aufmerksam.
Schwerwiegender noch als halbseitige Gesichtsfeldausfälle
ist die sogenannte corticale Blindheit, bei der beide optischen
Rinden-Felder geschädigt sind. Diese Patienten können
dann allenfalls noch Hell-/Dunkel- und Bewegungs-Reize erkennen.
Eine spontane Besserung der Blindheit wird zwar innerhalb der ersten
3 Monate nach Ereignis gelegentlich beobachtet, nach Schlaganfall
ist sie jedoch eher selten. Anders als bei Gesichtsfeld-Ausfällen
wurde bisher kein Therapie-Verfahren zur Rückbildung dieser
schwersten Form der corticalen Seh-Störung angeboten.
DIE THERAPIEMETHODE
Das von entwickelte und bisher bei mehreren Patienten
erfolgreich erprobte Behandlungsverfahren in Form visueller Stimulationen
ist der zur Zeit weltweit erste Versuch zur Therapie dieses kognitiven
Handicaps. Prinzip dieser neuartigen visuellen Stimulationstherapie
ist es, den Patienten innerhalb einer eigens dafür entwickelten
"Dunkelkammer" zunächst einfache Hell-/ Dunkelreize
und mit fortschreitender Verbesserung der Sehfunktion komplexere
optische Reize wie geometrische Figuren, Farben, Muster, Objekte,
Buchstaben und Wörter in beiden Gesichtsfeldern darzubieten.
Dabei werden die einzelnen Reize jeweils nur für 150 msec dargeboten
(tachistoskopische Reizung), zu Beginn in beiden Gesichtsfeldern
seitengleich, später seitendifferent. Durch diese intensive
Therapie konnte bei acht der bisher 12 behandelten Patienten eine
deutliche und statistisch signifikante Verbesserung der Sehfunktion
erreicht werden, und zwar nicht nur im Labor, sondern auch in Situationen
des täglichen Lebens. Konkret bedeutete dies im Einzelfall,
dass Patienten, die zu Therapiebeginn blind waren, wieder in die
Lage versetzt wurden, ihr Gegenüber zu erkennen, sich selbständig
zu bewegen und mit entsprechenden, unter Umständen nicht einmal
notwendigen Lesehilfen zu lesen. Dass dies eine enorme Verbesserung
der Lebensqualität für die einzelnen Patienten darstellt,
erklärt sich von selbst.
BISHERIGES THERAPIE-PROCEDERE
Bisher konnte die Therapie nur stationär in einem
speziell dafür konstruierten Seh-Labor etwa ein bis zwei Stunden
pro Tag über mehrere Monate stattfinden, aufgrund der langen
Therapie-Dauer ein zeitaufwendiges, personal-intensives und teures
Verfahren.
DAS ONLINE THERAPIE-PROCEDERE
Die Möglichkeit zur online-Therapie bedeutet
hier einen erheblichen Fortschritt, weil auf längere stationäre
Aufenthalte verzichtet werden kann. Nach einer initial stationären
Diagnostik von nur wenigen Tagen in der Neurologischen Klinik des
Bergmannsheil, Klinikum der Ruhr-Universität Bochum, wo der
Status der visuellen Wahrnehmungs-Fähigkeit getestet und der
Patient anschließend in die für ihn speziell angepasste
Therapie-Methode eingewiesen wird, kann nach Vergabe eines passwords
die Therapie zu Hause fortgesetzt werden.
In Anlehnung an die in der Klinik erhobenen Befunde
zur visuellen Rest-Wahrnehmungsfähigkeit bestimmt der begleitende
Neuropsychologe das Procedere des online Therapie-Verfahrens. Der
Therapie-Verlauf wird kontinuierlich kontrolliert und der Patientenleistung,
wenn nötig, täglich angepasst. Über ein spezielles
tele-medizinisches Kontrollsystem, zu dessen Administratoren-Programm
nur der behandelnde Neuropsychologe aufgrund mehrerer passwords
Zugang hat (Sicherung des Datenschutzes), kann der individuelle
Leistungsstand insgesamt, aber auch sofort nach jeder Therapiesitzung
abgefragt werden. Zwischen Patient und Therapeut besteht so eine
permanente Interaktivität, die ein Höchstmaß an
therapeutischer Nähe und Flexibilität erlaubt. Virtuell
ist der begleitende Neuropsychologe bei jeder einzelnen Therapiesitzung
als kontrollierende und steuernde Instanz dabei.
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